Ich habe aufgehört mich zu entschuldigen
Freitagabend, kurz vor sieben. Das Handy vibriert zum dritten Mal.
Meine Bekannte schreibt, ob ich schon rumgefragt hätte, wegen der Umzugskartons. Die Kollegin fragt, ob wir noch „noch schnell, nur ganz kurz“ wegen Montag telefonieren können. Und meine Freundin ist kurz angebunden, weil ich das Wochenende schon verplant habe – ohne sie.
Ich sitze auf dem Sofa, die Beine hochgelegt, endlich Ruhe. Und merke, wie mein Daumen schon über der Tastatur schwebt, um zu tippen: „Kein Problem – mache ich“
Ich habe nicht getippt. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten.
Der Reflex, den niemand mir beigebracht hat – und den ich trotzdem gelernt habe
Grenzen setzen ab 50… gar nicht so einfach. Niemand hat mir je gesagt: Entschuldige dich, wenn du Zeit für dich brauchst. Trotzdem sitzt der Satz „Tut mir leid, aber…“ so tief, dass er kommt, bevor ich überhaupt nachgedacht habe. Dass ich immer ein latent schlechtes Gewissen habe, wenn ich zu etwas Nein sage. Bei der Familie. Bei Freundinnen. Bei Kollegen. Fast immer bei denselben Leuten, fast immer aus demselben Grund: weil ich gewissenhaft bin – und nicht kompliziert oder schwierig sein will, wenn ich einfach nur Nein sage.
Ich bin Anfang fünfzig. Ich habe eine Familie. Ich habe eine Krebserkrankung hinter mir. Ich weiß inzwischen ziemlich genau, wie viel Kraft ich am Tag habe – und dass sie nicht endlos ist. Trotzdem habe ich jahrelang so getan, als müsste ich für jede Grenze eine Rechtfertigung mitliefern.
Familie: die Königsdisziplin des schlechten Gewissens
Bei der Familie ist es am schwersten. Da ist die Geschichte, das gemeinsame „wir haben doch immer füreinander eingesprungen“, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Wenn jemand meiner engsten Angehörigen fragt, ob ich helfen kann, ist da nicht nur die Frage selbst. Da ist die ganze Geschichte unserer Beziehung, die mitschwingt. Natürlich ist es Ehrensache.
Ich habe gemerkt: Ein Nein zur Schwester fühlt sich gleich an wie ein Nein zur Familie an sich. Das ist es aber nicht. Es ist ein Nein zu dieser einen Bitte. Mehr nicht. Die Unterscheidung klingt banal. Aber sie zu verinnerlichen, ist nicht so einfach.
Freundschaften: wenn Nähe zur Pflicht wird
Bei Freundinnen ist die Falle eine andere. Da denke ich oft: Wenn ich jetzt absage, verliere ich die Nähe. Als wäre eine Freundschaft ein Konto, das ich ständig auffüllen muss, sonst wird sie gekündigt.
Meine beste Freundin war an diesem Freitag gekränkt. Ich habe nicht sofort reagiert, nicht sofort erklärt, nicht sofort mein Wochenende umgeworfen. Ich habe am Sonntag geschrieben: „Ich hatte das Wochenende für mich gebraucht. Lass uns nächste Woche was ausmachen.“ Kein Rechtfertigungsroman. Kein Trostpflaster hinterher.
Sie war am Anfang komisch. Zwei Tage später war alles wieder normal. Die Freundschaft hat es ausgehalten. Sie hält mehr aus, als ich dachte.
Kollegen: die unsichtbarste Grenze von allen
Im Job ist es am subtilsten. Niemand sagt direkt: „Mach das für mich.“ Es kommt als Frage, freundlich verpackt, oft am späten Nachmittag, wenn man eh schon müde ist. „Nur ganz kurz“ ist der gefährlichste Satz im Berufsleben einer Frau, glaube ich manchmal. Weil er suggeriert, dass es nichts kostet. Es kostet aber immer etwas. Zeit, Energie, den Feierabend.
Ich habe angefangen, mir eine einzige Frage zu stellen, bevor ich zusage: Was gebe ich gerade auf, wenn ich das übernehme? Manchmal ist die Antwort: nicht viel, kein Problem. Manchmal ist die Antwort aber auch: meinen Abend, meine Ruhe, meine Kraft für morgen. Dann sage ich Nein. Ohne Erklärungs-Vortrag darüber, warum.
Was sich wirklich verändert hat
Das Interessante ist nicht, dass ich jetzt ständig Nein sage. Das tue ich nicht. Ich helfe meiner Freundin immer noch oft. Ich lese die Präsentation meiner Kollegin manchmal trotzdem gegen. Aber ich mache es, weil ich es will – nicht, weil ich Angst vor der Konsequenz eines Neins habe.
Der Unterschied liegt nicht in der Antwort. Er liegt im Gefühl davor. Früher: Enge in der Brust, das Gefühl, etwas erklären zu müssen. Heute: eine ruhige Entscheidung, für die ich mich nicht rechtfertige.
Und das Sich-nicht-Entschuldigen ist der Kern davon. Nicht, weil Höflichkeit unwichtig wäre. Sondern weil ein „Tut mir leid“ vor jedem Nein etwas Falsches behauptet: dass ich etwas falsch gemacht habe, indem ich für mich selbst entschieden habe.
Der Freitagabend, noch mal
Ich habe meiner Bekannten am Freitagabend geantwortet: „Heute schaffe ich das nicht mehr. Morgen früh gerne.“ Kein „Tut mir leid“. Kein „Ich weiß, das ist blöd von mir“. Nur die Information, die sie brauchte.
Sie hat geantwortet: „Alles gut, bis morgen.“
So einfach war es. Die ganze Anspannung, die ich mir gemacht hatte, war meine eigene. Die Grenze war nie das Problem. Das schlechte Gewissen davor schon.
Kennst du das? Diesen Reflex, dich zu entschuldigen, bevor du überhaupt Nein gesagt hast? Schreib’s mir gerne in die Kommentare.