Wie ein Cappuccino meinen Optimierungswahn gestoppt hat
Ich stehe morgens mit meinem Cappuccino in der Hand in der Küche, will ihn eintragen in die App. So wie ich das jeden Morgen tue. App auf, Kalorien rein, Protein checken, weitermachen. Ich optimiere mein Dasein.
Nur dass die App mich dieses Mal rausgeworfen hatte. Nach Monaten. Einfach so… Also neu anmelden. Passwort vergessen. Code eingeben.
Ich habe die App genervt weggewischt. Und in diesem Moment der plötzliche Gedanke:
Warte mal kurz. Was mach ich hier eigentlich? Wer bin ich eigentlich gerade?
Ich bin eine Frau um die Fünfzig.
Ich habe Kinder großgezogen. Ich habe Krisen durchgestanden. Ich habe Dinge erlebt, die mich verändert haben – manche davon schön, manche davon hart.
Ich weiß, welche Lebensmittel mich satt machen und welche mich träge machen. Ich weiß, was passiert, wenn ich zu wenig schlafe. Ich weiß, dass mir ein Spaziergang nach dem Essen guttut – nicht weil ich das irgendwo gelesen habe, sondern weil ich es hundertmal gespürt habe.
Ich habe meinen Kindern beigebracht, was echtes Essen ist. Was der Körper braucht. Wann man sich ausruht und wann man sich durchbeißt.
Dieses Wissen habe ich. Nicht erst seit gestern, schon lange.
Und trotzdem habe ich monatelang eine App gefragt, ob mein Cappuccino in Ordnung ist….?!
Wie konnte das passieren?
Denn von außen prasselt es auf uns ein. Ständig. Überall.
Mehr Protein. Mindestens 1,6 Gramm pro Kilogramm – oder waren es 2? Krafttraining. Mobility Work. Darm pflegen. Intervallfasten. Kein Kaffee nach 14 Uhr. Schlafphasen tracken. Stresshormone im Blick behalten. Schritte sammeln.
Es gibt dieses Meme, das ich immer wieder sehe. Eine Frau sitzt in einem Wildwasser-Rafting-Boot. Und von allen Seiten ploppt es auf. Protein. Schlaf. Bewegung. Achtsamkeit. Darmgesundheit. Stressmanagement.
Ich lache jedes Mal kurz auf. Aber eigentlich ist es nicht lustig.
Was wir wirklich können. Und warum uns das niemand fragt.
Ich möchte mal kurz aufzählen, was es bedeutet, Kinder großzuziehen.
Es bedeutet, Krankenschwester zu sein. Zu wissen, wann Fieber harmlos ist und wann man sofort zum Arzt muss. Zu wissen, was leichte Kost ist, wenn ein Kind sich übergeben hat. Was Kinder brauchen, wenn es heiß ist. Wann ein Körper Ruhe braucht und wann er Bewegung braucht. Was eine ausgewogene Mahlzeit ist – nicht theoretisch, sondern praktisch, jeden Tag, für einen Tisch voller Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen.
Wir haben das nicht aus einer App gelernt.
Wir haben es gemacht. Jahr für Jahr. Nacht für Nacht.
Und das ist nur ein Teil dessen, was Frauen in dieser Lebensphase auf den Schultern tragen. Oder getragen haben. Beruf. Familie. Pflege von Eltern. Eigene Gesundheitskrisen. Verluste. Neuanfänge.
Wir sind keine Anfängerinnen.
Wir sind Frauen mit einem Erfahrungsschatz, für den andere Menschen Bücher schreiben.
Wie kann es also sein, dass wir uns so verunsichern lassen?
Das ist die Frage, die mich wirklich beschäftigt. Und ich glaube, ich habe eine Ahnung, woher es kommt.
Was der Optimierungswahn mit uns Frauen macht
Instagram… Ich scrolle durch meinen Feed und sehe Frauen um die Fünfzig.
Schlank. Strahlend. Perfekt ausgeleuchtet. Mit makellosem Garten, selbst installierter Außendusche und einem Smoothie in der Hand, dessen Zutaten vermutlich alle bio, regional und superfoody sind.
Und dann bin da ich.
Mit meinem Cappuccino. Meinen Wohlfühlklamotten. Und meiner App. Und dem Gefühl, irgendwie nicht ganz mitzuhalten.
Das ist kein Zufall. Das ist Algorithmus.
Instagram und TikTok zeigen uns nicht die Realität von Frauen um die Fünfzig. Sie zeigen uns eine kuratierte, gefilterte, oft bezahlte Version davon. Und unser Gehirn – das biologisch darauf ausgelegt ist, sich mit anderen zu vergleichen – nimmt das als Maßstab.
Dazu kommt eine ganze Industrie, die genau davon lebt, dass wir uns unzulänglich fühlen. Supplements. Apps. Programme. Challenges. Coaches.
Je mehr wir zweifeln, desto mehr kaufen wir.
Je mehr wir kaufen, desto mehr zweifeln wir.
Es ist ein lukrativer Kreislauf. Und wir sind mittendrin, ohne es zu merken.
Und dann kommen noch die Kinder.
Ich kenne einige Frauen, denen es so geht. Und ich nehme mich ausdrücklich nicht davon aus.
Da sitzt man beim Abendessen, fühlt sich eigentlich ganz gut informiert – und dann sagt das Kind beiläufig etwas über einen Trend, von dem man noch nie gehört hat. Einen neuen Superfood. Eine neue Methode. Einen neuen Begriff für etwas, das man selbst seit dreißig Jahren macht, nur dass es damals noch keinen englischen Namen hatte.
Und schwupps – schon fühlt man sich wieder wie das verschlafene Mütterlein, das mal wieder nicht den Puls der Zeit verstanden hat.
Das Wasser – ein gutes Beispiel.
Wir haben unser Leben lang Wasser getrunken. Einfach so. Weil man das macht. Weil man Durst hatte. Weil unsere Mütter gesagt haben: immer genug trinken.
Heute heißt es: Stay hydrated! Optimalerweise mit Elektrolyten, einer Tracking-App und einem Stanley-Becher, der mehr kostet als Taschengeld.
Ich gestehe ich habe auch einen Stanley. Ich mag seine Farbe und die Füllmenge und wahrscheinlich die Vorstellung immer ganz sicher hydrated zu bleiben. In meinen Cupholder im Auto passt er leider nicht.
Aber es zeigt, wie geschickt diese Welt funktioniert. Altes Wissen wird neu verpackt, mit einem englischen Begriff versehen – und schon fühlen wir uns, als hätten wir etwas verpasst. Als wären wir zu langsam. Zu altmodisch. Nicht auf dem Stand.
Dabei haben wir den Stand. Wir sind der Stand. Wir haben das offenbar nur kurz vergessen.
Selbstoptimierung ist kein Empowerment. Sie ist ein Geschäftsmodell.
Selbstoptimierung verkauft sich als Fürsorge für sich selbst. Als modernes Körperbewusstsein.
Aber was sie in Wirklichkeit tut: Sie sagt uns permanent, dass es noch nicht reicht, dass wir so nicht reichen. Noch mehr Protein. Noch besserer Schlaf. Noch effektiveres Training. Noch eine App, noch ein Tracker, noch ein Programm. Es geht noch besser!
Schleichend. Unmerklich.
Aber es untergräbt etwas in uns. Das Vertrauen in uns selbst. Das Wissen, dass wir es eigentlich längst wissen. Ich finde, das ist ein echtes Problem, denn wie sehen so eigentlich unsere Kinder auf uns?
Was meine schon Mutter wusste. Und viele andere auch
Drei Mahlzeiten am Tag. Frische Luft. Früh schlafen, wenn man müde ist. Nach dem Essen ein bisschen bewegen. Nicht zu viel auf einmal. Auf den Körper hören. Pausen
Das ist kein Hexenwerk. Das ist Erfahrungswissen. Weitergegeben über Generationen, verfeinert im gelebten Alltag.
Heute heißt das Intuitive Eating oder Zirkadiane Rhythmik oder Parasympathikus-Aktivierung. Anderes Etikett. Gleiche Wahrheit.
Irgendwann habe ich das wieder gemerkt. Als ich angefangen habe, einfach zu essen, weil ich Hunger hatte. Als ich Krafttraining gemacht habe, weil ich Lust hatte – und nicht, weil Dienstag Krafttag war. Als ich Hüttenkäse gegessen habe, weil ich weiß, dass er mir schmeckt, schon immer und mich satt macht. Nicht weil eine App mir seine Makros bestätigt hat.
Das Wissen war die ganze Zeit da. Ich hatte es nur kurz an jemand anderen ausgelagert.
Was ich seitdem anders mache.
Ich trainiere, wenn mein Körper Energie hat. Wenn er sie nicht hat, lasse ich es. Morgen ist auch noch ein Tag.
Ich esse, was mich nährt – und das spüre ich. Nicht aus einer Tabelle, sondern aus Erfahrung.
Ich schlafe, wenn ich müde bin. Ich gehe raus, wenn ich Luft brauche.
Klingt simpel. Ist es auch.
Und falls ich mal einen Impuls von außen brauche – ein Buch, das mich in dieser Richtung bestärkt hat, liegt auf meinem Nachttisch: Intuitives Essen. Nicht als neues Programm, sondern als Erinnerung daran, was ich eigentlich schon weiß.
Was ich mir gedacht habe, als ich die App weggewischt habe.
Schluss. Ich brauche das nicht. Nicht mehr.
Nicht weil ich aufgebe. Nicht weil mir Gesundheit egal ist.
Sondern weil ich einer Frau vertraue, die jahrzehntelang gelernt hat, auf ihren Körper zu hören. Mir.
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