Der Moment, wenn du neben deiner Tochter im Spiegel stehst
Meine Tochter steht neben mir vor dem Spiegel.
Sie mustert sich kritisch im Spiegel und fragt: „Okay?“
Ich schaue sie an.
Und denke: Wie schön sie ist!
Wie könnte sie nicht „okay“ sein? Nicht geschniegelt. Nicht perfekt. Sondern jung und lebendig.
Ihre Haut ist glatt, ihre Augen wach, ihre Bewegungen selbstverständlich.
Alles an ihr sagt: Anfang.
Und ich stehe daneben. Und bin kein Anfang mehr. Ich bin Mitte.
Manchmal blitzt es kurz auf.
Dieses kleine Gefühl von: „Ach ja, so war das.“
Diese Straffheit. Dieses Nicht-Nachdenken über Licht, Schlaf oder Hormone.
Diese Selbstverständlichkeit im eigenen Körper.
Die Krebsbehandlung hat bei mir einiges beschleunigt.
Therapie, Medikamente, Hormonumstellung – mein Körper ist schneller durch Phasen gegangen, für die andere Jahre haben.
Ich habe mich im Spiegel angeschaut und gedacht:
Wow. Das ging jetzt aber schnell.
Wenn ich neben meiner Tochter stehe, spüre ich keinen Wettbewerb.
Ich spüre Verbindung.
Ich sehe in ihr nicht, was ich verloren habe.
Ich sehe, was ich weitergegeben habe.
Meine Hände in ihren Gesten.
nMein Blick in ihren Augen.
nMeine Art zu lachen und durch die Haare zu streichen,
Sie blüht – und ich darf daneben stehen und zuschauen.
Das ist kein Verlust.
Das ist ein Privileg.
Natürlich wäre es gelogen zu sagen, ich vermisse nichts.
Natürlich denke ich ab und zu:
Ein bisschen mehr Spannkraft hätte ich gern behalten. Ein bisschen weniger Müdigkeit. Ein bisschen mehr Energie auf Knopfdruck.
Aber dann sehe ich sie neben mir – und weiß:
Ihre Leichtigkeit gehört ihr. Das ist das Privileg der Jugend.
Meine Reife gehört mir.
Und beides ist auf seine Art schön.
Mit 30 war Attraktivität Tempo. Mit 50 ist sie Haltung.
Ich bin nicht mehr die Jüngere.
Aber immerhin bin ich die, die geblieben ist. Die, die durch eine schwere Krankheit gegangen ist und trotzdem noch aufrecht steht.
Meine Haut ist empfindlicher geworden.
nMeine Hormone sind durcheinandergewirbelt worden und auch meine Gefühle. Ich bin viel schneller gereift, als ich es geplant hatte.
So what? Ich bin noch da.
Manchmal stehen wir wirklich nebeneinander vor dem Spiegel.
Sie rückt näher an mich heran, legt kurz ihren Kopf an meine Schulter und sagt irgendetwas Belangloses.
Und in diesem Moment sehe ich uns beide.
Sie am Anfang.
nIch in der Mitte.
Und plötzlich fühlt sich nichts falsch an. Und vor allem nicht nach Konkurrenz.
Ich sehe meine Linien.
nUnd ich sehe ihr Leuchten.
Und ich weiß: Beides gehört zusammen.
Ich bin vielleicht nicht mehr die Jüngste und Straffeste im Raum.
Aber ich bin die Mutter dieses leuchtenden Mädchens.
Und ganz ehrlich – das ist eine Form von Schönheit und ein Glück, die ich mit keiner glatten Haut der Welt tauschen würde
💛
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