Frau deren Kopf eine weiße Wolke ist

Nichts schadet Frauen mehr als emotionaler Stress

Frauen leben länger als Männer. Eigentlich eine gute Nachricht.

Wir sind biologisch ziemlich robust. Wir haben zwei X-Chromosomen, über viele Jahre profitieren Herz, Gefäße und Knochen von unseren Hormonen, und wir bringen einige erstaunlich gute Voraussetzungen für ein langes Leben mit.

Und trotzdem gibt es einen Faktor, der uns diesen Vorsprung zumindest teilweise wieder nehmen kann: emotionaler Stress.

Nicht unbedingt der volle Terminkalender oder die eine anstrengende Woche.

Sondern emotionaler Stress.

Sorgen um die Kinder. Die Eltern, die älter werden. Ein Konflikt in der Partnerschaft. Ärger im Beruf. Unterdrückte Wut. Das Gefühl, für alles und jeden verantwortlich zu sein.

Die Herzchirurgin und Frauengesundheitsexpertin (und Autorin entsprechender Bücher) Dr. Sandra Eifert bringt es in einem Interview auf einen drastischen Satz:

„Nichts schadet Frauen mehr als emotionaler Stress.“

Und genau dieser Satz ist bei mir hängen geblieben.

Denn vielleicht reden wir beim gesunden Älterwerden viel zu viel über Ernährung, Gewicht und die perfekte Sportroutine – und viel zu wenig darüber, was wir jeden Tag mit uns herumtragen.

Frauen sind biologisch robuster als Männer

Fangen wir mit der guten Nachricht an.

Frauen bringen tatsächlich einige biologische Vorteile mit. Einer davon steckt tief in unseren Zellen: in den Geschlechtschromosomen.

Frauen haben in der Regel zwei X-Chromosomen – XX. Männer haben ein X- und ein Y-Chromosom – XY.

Und dieser kleine Unterschied ist – neben dem Geschlecht unserer Kinder – interessanter, als er zunächst klingt:

Auf dem X-Chromosom liegen zahlreiche Gene, die für wichtige Funktionen unseres Körpers eine Rolle spielen. Eifert nennt unter anderem Herz-, Hirn- und Immunfunktionen.

Frauen haben davon gewissermaßen eine doppelte Ausstattung: zwei X-Chromosomen.

Funktioniert ein Gen auf einem X-Chromosom nicht richtig, kann das zweite X bei bestimmten genetischen Veränderungen einen Ausgleich ermöglichen.

Männer haben diese Möglichkeit nicht in gleicher Weise. Sie besitzen nur ein X-Chromosom, funktioniert hier ein Gen nicht richtig, gibt es keinen Ausgleich. Das deutlich kleinere Y-Chromosom trägt bekanntermaßen vor allem Gene, die mit der männlichen Geschlechtsentwicklung und Fortpflanzung zusammenhängen.

Das ist einer der Gründe, warum Eifert Frauen als „biologisch robuster“ bezeichnet.

Und dann haben wir noch einen zweiten Vorteil:

Östrogen ist mehr als ein Fortpflanzungshormon

Über Jahrzehnte beeinflussen Östrogene zahlreiche Prozesse im weiblichen Körper.

Sie spielen unter anderem für Herz und Gefäße, Knochen und Stoffwechsel eine wichtige Rolle.

Bis die Wechseljahre kommen.

Dann sinkt der Östrogenspiegel – und damit verändert sich auch unsere gesundheitliche Ausgangslage. Herz-Kreislauf-Risiken und das Risiko für Osteoporose gewinnen an Bedeutung.

Und genau das passiert ausgerechnet in einer Lebensphase, die für viele Frauen ohnehin ziemlich voll ist.

Die Kinder brauchen uns vielleicht nicht mehr täglich – dafür machen wir uns andere Sorgen um sie.

Die eigenen Eltern werden älter.

Im Beruf sollen wir weiter funktionieren.

Die Partnerschaft läuft nebenher.

Und der eigene Körper beginnt ebenfalls, andere Ansprüche zu stellen.

Weniger Östrogen. Veränderte gesundheitliche Risiken. Und gleichzeitig jede Menge Stress.

Keine gute Kombination.

Frauen nehmen Sorgen mit ins Bett

Eifert nennt in einem Interview sehr konkret die Formen von Stress, die Frauen belasten können:

Sorgen um andere Menschen. Unterdrückte Wut. Konflikte. Mobbing. Gerede und Gerüchte.

Vor allem also Dinge, die uns emotional nicht loslassen.

Und darin sind wir Frauen leider ziemlich gut.

Wir können ein Problem abends mit ins Bett nehmen und es um drei Uhr morgens noch einmal von allen Seiten betrachten.

Was ist, wenn das Kind die falsche Entscheidung trifft?

Wie geht es mit den Eltern weiter?

Hätte ich im Gespräch gestern etwas anderes sagen sollen?

Warum hat sie das so gesagt und wie hat sie es gemeint?

Was muss ich morgen unbedingt erledigen?

Männer können Sorgen häufig besser ausblenden oder stärker von anderen Lebensbereichen trennen.

Natürlich ist das eine Verallgemeinerung. Nicht jeder Mann schläft friedlich, während seine Frau nachts das Leben der gesamten Familie organisiert.

Aber viele Frauen werden das Prinzip kennen.

Wir tragen nicht nur unsere eigenen Probleme. Wir tragen die der Menschen, die uns wichtig sind, gleich mit.

Warum kümmern sich Frauen so viel?

Auch dafür gibt es einen Erklärungsansatz.

Die klassische Stressreaktion kennen wir als „fight or flight“ – kämpfen oder fliehen.

Daneben gibt es ein weiteres Konzept: „tend and befriend“ – kümmern und soziale Nähe suchen.

Eifert beschreibt, dass Frauen auf Belastungen häufiger mit Kümmern und Bindung reagieren. Sie sieht darin auch einen Zusammenhang mit den Unterstützerrollen, die viele Frauen über lange Zeit übernehmen.

Wir kümmern uns um Kinder.

Später vielleicht um unsere Eltern.

Wir halten Kontakt zu Freunden.

Wir organisieren Familienleben.

Wir merken, wenn es jemandem nicht gut geht.

Ist das Biologie? Erziehung? Oder Gesellschaft?

Wahrscheinlich lässt sich das nicht sauber auseinanderhalten. Aber das Ergebnis kennen viele von uns.

Wir kümmern uns eben.

Und das ist zunächst einmal etwas Gutes.

Sich kümmern kann sogar gesund sein

Denn Menschen brauchen Menschen.

Enge soziale Beziehungen werden mit Gesundheit und einem langen Leben in Verbindung gebracht.

Es gibt auf der Welt die sogenannten Blue Zones – Regionen, in denen auffällig viele Menschen sehr alt werden. Beispielsweise Okinawa in Japan, dort leben viele sehr alte Frauen in engen sozialen Bindungen.

Das Interessante daran:

Das Kümmern selbst ist offenbar nicht das Problem. Familie, Freundschaften und Gemeinschaft können im Gegenteil eine wichtige Ressource sein.

Problematisch wird es dort, wo aus Verbundenheit Verantwortung für alles wird. Wo wir glauben, jedes Problem lösen zu müssen. Wo die Sorgen der anderen zu unseren Sorgen werden. Und wo wir selbst auf der Liste der Menschen, um die wir uns kümmern, gar nicht mehr auftauchen.

Emotionaler Stress bleibt nicht im Kopf

Stress ist nicht einfach nur ein unangenehmes Gefühl.

Der Körper reagiert darauf.

Herzschlag, Blutdruck, Hormone und Nervensystem verändern sich. Kurzfristig ist das vollkommen normal. Unser Körper ist dafür gemacht.

Schwierig wird es, wenn aus einer Stressreaktion ein Dauerzustand wird.

Nicht selten wird ein Zusammenhang zwischen emotionalem Stress und dem Herzen hergestellt mit dem Ergebnis: Herzrhythmusstörungen.

Gerade ab der Lebensmitte lohnt es sich deshalb, Stress nicht als reine Befindlichkeit abzutun.

Vor allem nicht, wenn gleichzeitig weitere Risikofaktoren hinzukommen.

Ab Mitte 40 sollten wir unseren Blutdruck kennen

Es gibt ungefähr drei Lebensphasen, die für die spätere Gesundheit von Frauen besonders wichtig sein können: um 45, um 60 und um 70.

Die erste beginnt ungefähr mit der Menopause, oft schleichend und nicht weiter bemerkt, um die 45.

Der Östrogenspiegel sinkt und damit können sich Herz-Kreislauf-Risiken verändern.

Dabei ist ein Wert von großer Relevanz: der Blutdruck.

Denn Bluthochdruck hat einen großen Nachteil: Man merkt ihn häufig nicht.

Man kann sich gesund fühlen, Sport treiben, arbeiten und seinen Alltag bewältigen – und trotzdem erhöhte Werte haben.

Deshalb sollten wir spätestens in der Lebensmitte wissen, wie unser Blutdruck aussieht und gesundheitliche Veränderungen nicht einfach als „ist halt das Alter“ oder „sind wahrscheinlich die Wechseljahre“ abtun.

Mit 60 werden Muskeln und Knochen zum großen Thema

Die zweite wichtige Phase ist ungefähr um 60.

Dann befinden sich Frauen in der Postmenopause. Jetzt rücken Muskeln und Knochen noch stärker in den Mittelpunkt. Die unspektakuläre Empfehlung:

Proteinreich und kalziumreich essen. Und bewegen.

Regelmäßige körperliche Aktivität – fünfmal pro Woche etwa 30 Minuten.

Und dabei geht es nicht mehr darum, ob der Bauch flach genug ist. Es geht um etwas sehr viel Wichtigeres: Mit 70 noch eine Treppe hochgehen können. Den Koffer selbst tragen. Vom Boden aufstehen. Einkäufe nach Hause bringen. Das Gleichgewicht halten. Reisen. Selbstständig bleiben. Mit 30 trainieren wir vielleicht für die Figur. Mit 50 sollten wir anfangen, auch für unser zukünftiges Leben zu trainieren.

Muskeln sind Altersvorsorge.

Und ab 70?

Dann heißt die Aufgabe vor allem: erhalten.

Körperlich beweglich bleiben. Geistig beweglich bleiben. Unter Menschen bleiben. Und Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen.

Auch typisch für uns: Wir schicken die Familie zum Arzt, erinnern andere an ihre Termine – und haben für unsere eigenen Untersuchungen keine Zeit. Vielleicht ist das auch eine Form des Kümmerns, die wir überdenken sollten.

Weniger perfekt sein könnte ziemlich gesund sein

Und wichtiger als jeder klassische Gesundheitstipp:

Frauen sollten weniger perfekt sein wollen.

Denn Stress entsteht nicht nur dadurch, dass wir viel zu tun haben. Er entsteht auch durch den Anspruch, alles gut machen zu müssen.

Eine gute Mutter sein. Eine verlässliche Tochter. Eine engagierte Kollegin. Eine aufmerksame Freundin. Eine liebevolle Partnerin.

Und bitte möglichst alles gleichzeitig. Das funktioniert erstaunlich lange. Bis es eben irgendwann nicht mehr funktioniert.

Ich plädiere deshalb für weniger Perfektion, weniger Stress und mehr Selbstfürsorge. Und gestehe, dass ich selbst in dieser Hinsicht noch reichlich Verbesserungspotential habe.

Ich glaube allerdings nicht, dass wir dafür noch eine zusätzliche Selbstfürsorge-Routine brauchen.

Vielleicht reicht eine viel einfachere Frage:

Bin ich dafür wirklich verantwortlich? Das übe ich mittlerweile jeden Tag.

Und was ist mit dem Glas Wein?

In einem Interview wird es angenehm lebensnah.

Eine 49-jährige Frau beschreibt sich dort als Nichtraucherin, normalgewichtig und sportlich. Sie joggt, macht Yoga, fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Stress? Reichlich. Und am Wochenende schafft sie durchaus eine Flasche Crémant.

Ihre Frage an die Herzchirurgin: Wie sieht es mit meiner Langlebigkeit aus? Eiferts Antwort: Weitermachen.

Grüner Tee wäre sicher gesünder, aber gegen Alkohol in Maßen sei nichts einzuwenden. Die Dosis macht das Gift.

Ich mag diese undogmatische Haltung. Trotzdem gehört zur Einordnung natürlich dazu: Alkohol ist kein Gesundheitsmittel und auch kleinere Mengen sind gesundheitlich nicht risikofrei. Ein Glas Wein ist also kein Longevity-Hack.

Aber gesund älter zu werden bedeutet für mich auch nicht, dass wir ab 50 nur noch Brokkoli essen, Mineralwasser trinken und um 21.30 Uhr schlafen gehen müssen. Ein gelegentliches Glas Wein oder Crémant darf Genuss sein. Genuss gehört zum Leben dazu.

Vielleicht brauchen wir weniger Longevity-Hacks

Das Thema Langlebigkeit ist inzwischen ein riesiger Markt.

Nahrungsergänzungsmittel.

Pulver.

Superfoods.

Kältebäder.

Biohacking.

Morgenroutinen.

Schlafoptimierung.

Dabei sind viele der Dinge, die wirklich wichtig werden, erstaunlich unspektakulär.

Regelmäßig bewegen.

Muskeln erhalten.

Ausreichend Protein und Kalzium aufnehmen.

Blutdruck kennen.

Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen.

Nicht rauchen.

Alkohol bewusst und möglichst wenig trinken.

Freundschaften pflegen.

Und Stress nicht jahrelang mit sich herumtragen.

Vielleicht brauchen wir gar nicht noch mehr Dinge, die wir perfekt machen sollen.

Denn genau das wäre ja wieder:

Stress.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe ab 50

Was nehme ich also aus diesem Interview mit?

Dass Frauen eigentlich ziemlich gute Voraussetzungen haben.

Wir sind biologisch robust. XX statt XY gibt uns in bestimmten Bereichen einen genetischen Vorteil. Unsere Hormone schützen uns über viele Jahre. Wir sind gut darin, Beziehungen aufzubauen und zu erhalten. Wir kümmern uns. Wir können ziemlich viel tragen.

Aber genau darin könnte auch unsere Falle liegen. Denn nur weil wir viel tragen können, heißt das noch lange nicht, dass wir alles tragen müssen.

Nicht die Probleme unserer erwachsenen Kinder.

Nicht jede Sorge unserer Eltern.

Nicht jeden Konflikt im Beruf.

Nicht die Stimmung anderer Menschen.

Und schon gar nicht nachts um drei.

Vielleicht müssen wir ab 50 deshalb gar nicht lernen, noch gesünder, disziplinierter und perfekter zu leben. Vielleicht müssen wir lernen, öfter zu sagen:

Das ist wichtig. Aber es ist nicht meine Sorge.

Nicht weniger kümmern. Nicht weniger fühlen.

Aber genauer entscheiden, was wir mit uns herumtragen. Denn unsere Robustheit sollten wir nicht dafür verwenden, immer noch mehr auszuhalten.

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